„An den Verkäufen sieht man, ob es einen echten Prozess gibt“ – Christian Hereth im Gespräch mit Citywire

21. September 2026
5 Minuten

Unser Investment Manager Christian Hereth, CFA, spricht mit Citywire über die dreistufige Fondsauswahl bei AURETAS, welche Rolle KI künftig im Investmentprozess spielen wird und warum Verkäufe für ihn oft mehr über die Qualität eines Fondsmanagers verraten als Käufe.

Nach welchen Kriterien wählen Sie Fonds aus?

Zuerst einmal unterscheiden wir zwischen aktiven und passiven Ansätzen und der Frage, ob ein bestimmter Markt aktiv oder passiv abgebildet werden soll. Aktive Ansätze setzen wir dort ein, wo wir einen Mehrwert in der Einzeltitelselektion sehen. In effizienten Märkten greifen wir bewusst auf ETFs zurück.

Was heißt das für die Selektion aktiver Fonds?

Aktive Fonds durchlaufen bei uns drei Ebenen. Zunächst erfolgt eine quantitative Analyse des Fondsuniversums, in der wir Fonds identifizieren, die nach den relevanten Kennzahlen interessant sein könnten. Darauf folgt die detaillierte Analyse von Investmentprozess, Team und Risikomanagement. Fonds, die diese Hürde genommen haben, kommen auf unsere Short-List und werden über einen längeren Zeitraum intensiv gemonitort. Dabei geht es nicht allein darum, dass ein Fonds outperformed hat, sondern wie diese Outperformance zustande kam und ob sie sich fortschreiben lässt. Hierfür betrachten wir rollierende Attributionsanalysen über verschiedene Zeiträume. Der Prozess muss für uns nachvollziehbar und replizierbar sein, die Verantwortung des Lead-Managers klar geregelt und das Set-up über mehrere Jahre bewährt. Bei ETFs zählen Indexmethodik, Tracking-Difference, Kosten und Liquidität.

Was war der beste Akquise-Anruf oder die beste E-Mail eines Fondsvertrieblers, die Sie je erhalten haben?

Hier gibt es nicht die eine Anfrage, die mir besonders im Gedächtnis geblieben ist. Grundsätzlich bevorzuge ich eine klar strukturierte Nachricht, die mir anhand von Renditereihen, Attribution und Faktorexposures einen überzeugenden Case aufzeigt. Anschließend prüfe ich auf meiner Seite, ob und wie der Fonds in unsere Aufstellung passt und ob er unseren Qualitätskriterien entspricht.

Nach welchen Fonds suchen Sie aktuell?

Aktuell prüfen wir Fonds auf börsennotierte Infrastruktur mit Schwerpunkt Stromversorgern für unsere Multi-Asset-Strategien. Dahinter steht die Absicht, in die Entwicklung der KI über Unternehmen auch außerhalb des Technologiesektors zu investieren und breiter aufgestellt zu sein. Technologiewerte werden von der KI-Entwicklung mittelfristig nicht profitieren können, wenn die Infrastruktur zur Anwendung nicht bereitsteht.

Welcher Fonds ist von Ihrer „Buy List“ nicht mehr wegzudenken?

Bei unseren Multi-Asset-Strategien ist das ein breit aufgestellter, aktiv gemanagter Emerging Markets Aktienfonds. Hier sind wir bewusst aktiv unterwegs, weil wir in den Emerging Markets einen großen Mehrwert in der Einzeltitelselektion sehen. Unser ausgewählter Manager hat sich im schwierigen Umfeld der Emerging Markets bewährt. Das gilt auch für Phasen, in denen der Index von wenigen Top-Werten getragen wurde, ohne dass er dafür eine zu aggressive Positionierung in diesen Titeln aufgebaut hätte. 

Welcher Fonds wurde gerade erst neu aufgenommen?

Zuletzt haben wir gezielt US-Versicherer über einen ETF in das Portfolio aufgenommen. Die massiven KI-Investitionen lassen die globale Kapitalnachfrage deutlich steigen. Versicherer gehören zu den wichtigsten Kapitalgebern und profitieren von höheren Renditeaufschlägen. Hinzu kommen die zuletzt gestiegenen Realrenditen bei stabilen Inflationserwartungen. Davon profitieren Versicherer überdurchschnittlich. Sie legen Prämien und Reserven zu höheren Renditen an, ohne dass die Schadenaufwendungen entsprechend mitsteigen. Zudem können KI-Anwendungen die Kosten in der Schadenbearbeitung, im Underwriting und in der Verwaltung senken.

Haben Sie in diesem Jahr Fonds von der Liste gestrichen?

Zu Beginn des Jahres haben wir uns in Europa von zyklischem Konsum getrennt. Der Grund war und ist, dass wir das Wachstum derzeit nicht auf der Konsumentenseite sehen, sondern dass es von der Capex-Seite der Unternehmen getrieben wird. Aktuell wird der Markt von den Investitionen in Netze, Rechenzentren und Infrastruktur getragen und nicht vom Konsumenten. Insgesamt ist eine veränderte Einschätzung zum Marktsegment ein klar definierter Verkaufsgrund, unabhängig davon, wie lange die Position im Portfolio war.

Auf welche Assetklasse(n) setzen Sie für die nächsten zwölf Monate?

Auf der Wachstumsseite bleiben wir insgesamt positiv, die größeren Risiken sehen wir auf der Zinsseite. Das erklärt auch unsere Positionierung. Wir sind weiterhin in Aktien übergewichtet und auf der Zinsseite aktuell in kürzeren Durationen unterwegs. Unsere Gewichtung in Gold haben wir aufgrund der negativen Korrelation zum US-Zins reduziert.

Wer war die wichtigste Person in Ihrer beruflichen Laufbahn?

Die eine wichtigste Person gibt es bei mir nicht. Ich habe von vielen verschiedenen Menschen etwas mitgenommen, meist im täglichen Miteinander. Jeder bringt Stärken mit, von denen man lernen kann, und genau davon profitiere ich bis heute.

Was steht aktuell ganz oben auf Ihrer To-do-Liste?

Neben der täglichen Arbeit am Markt und dem Screening potenzieller Investments liegt der Fokus aktuell auf der noch stärkeren Einbindung von KI in unseren Investmentprozess. Ziel ist es, mit Hilfe von KI eine breitere Datenbasis effizienter auszuwerten und auf dieser Grundlage schneller fundiertere Entscheidungen zu treffen.

Was schätzen Sie an Ihrem Job besonders?

Für mich machen besonders die Abwechslung und die Geschwindigkeit, in der sich Kapitalmarkt und Makroumfeld verändern, den Reiz aus. Dazu kommt, Entwicklungen weiterzudenken, Zusammenhänge zu erkennen und daraus Anlageentscheidungen abzuleiten. Nicht zuletzt schätze ich den persönlichen Austausch mit Portfoliomanagern, die sehr tiefe Einblicke in die jeweilige Materie eröffnen.

Schildern Sie bitte ein Fondsmanager-Meeting, das Ihnen besonders im Gedächtnis geblieben ist!

Ein globaler Aktienmanager erzählte im Pitch eine reine Top-Down-Story mit Makro, Regionen und Sektoren. In der Vorbereitung hatte ich die Attribution gerechnet, und die zeigte fast die gesamte Wertentwicklung aus der Titelselektion. Auf die Frage danach gab es keine überzeugende Antwort. Seitdem ist die Konsistenz zwischen Story und Attribution einer meiner wichtigsten qualitativen Prüfpunkte.

Was fragen Sie Fondsmanager am liebsten? 

„Was haben Sie zuletzt verkauft und folgte der Verkauf dem Prozess oder korrigierte er eine Fehlentscheidung?“ Denn über Käufe redet jeder gern. Aber an den Verkäufen sieht man, ob es einen echten Prozess gibt. In Update-Gesprächen frage ich außerdem jedes Mal wortgleich, was sich seit dem letzten Termin am Investmentprozess und Teamaufsatz geändert hat. Die identische Frage über mehrere Termine hinweg zeigt Verschiebungen, die in keiner Präsentation auftauchen.

Erschienen bei Citywire, 21. September 2026, Autor: Serge Debrebant. Das vollständige Interview lesen Sie bei Citywire unter:

Über die Autoren

Christian Hereth
Investment Manager
4 posts
Christian Hereth mag es einfach, strukturiert zu denken. Welche Faktoren haben welche Ursachen und welche Zusammenhänge lassen sich herstellen? Mit Blick nach vorn. Er schaut auf Zahlen, versteht Modelle und sieht Komplexitäten. Das war schon in seiner Rolle als Portfolio-Analyst bei einem Versicherer so. Als Investment Manager ist er nun noch stärker in eigene VERANTWORTUNG gerückt und schätzt zugleich, im Team gemeinsam hinter Entscheidungen zu stehen. Meinungsstark und klar. Nicht alle sind gleich, aber ihr Ziel ist es.
Mit der Morgenlage steigt er in den Tag ein: Wie läuft es in Asien? Wie startet Europa? Und dann folgen eigene Projektionen. Gibt es Anlass, optimistischer zu sein oder sind die Erwartungen zu positiv? Er programmiert, visualisiert und analysiert. Ohne MENSCHLICHES Urteil geht dabei nichts. Reflektieren und Lernbereitschaft zu zeigen, das ist ihm wichtig. Auch in seiner Ausbildung zum CFA. Die hat den engagierten Fußball- und Badminton-Spieler zwischendurch beansprucht. Nun ist sie abgeschlossen und die Trainingseinheiten auf dem Platz laufen wieder.

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